Nationalsozialismus und christliche Jugend

Nachtrag:
Bitte beachten!:
Nur in den dafür vorgesehenen Schulstunden daran arbeiten.
Nicht hetzen, es geht nicht um Schnelligkeit.
Ich mache keinen Druck – macht Ihr Euch auch keinen!
Es geht darum, es nachzuvollziehen – und zwar kritisch nachzuvollziehen.
Es geht um Sorgfalt.
Es gibt keine Hausaufgaben.
Achtet auf Pausen.

Wir verlassen nun das Thema: Theologie des Neuen Testaments und wenden uns einem ganz anderen Thema zu: Kirche der Neuzeit.

Kurze Hinweise zur Situation der christlichen Jugendarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus

In seinen Anfängen haben Nationalsozialisten auf die reiche Erfahrung der Kirchen mit Jugendarbeit zurückgegriffen. Sie haben zum Teil Jugendleiter übernommen. Je mächtiger der Nationalsozialismus wurde, desto rigoroser wandte er sich gegen die christliche Jugendarbeit und versuchte, diese zu verdrängen. Ein Beispiel:

Der Nationalsozialismus hat aktiv die Jugendarbeit außerhalb der Hitler-Jugend behindert und bekämpft, zudem wurde der Nationalsozialismus vom Jungmännerverband Düsseldorf als „Bolschewismus … unter nationalem Vorzeichen“ bezeichnet, was den Nationalsozialisten nicht besonders gefiel. Schon 1933 wurde die Geschäftsstelle des „Reichsausschusses deutscher Jugendverbände“ von den Nationalsozialisten übernommen – das heißt: Die Nationalsozialisten hatten alle Adressen – und die evangelische Jugend wurde der Hitlerjugend zugeordnet. Wer in der katholischen Jugend blieb, musste mit Einschränkungen rechnen: zum Beispiel Verlust der Lehrstelle. Öffentliche – auch mediale – Denunziationen und Diskriminierungen waren, je nach Gebiet, an der Tagesordnung. Der Präses Ludwig Wolker und 57 Mitarbeiter wurden 1936 verhaftet, aber wieder freigelassen (schon Juli 1934 wurde der Mitarbeiter Adalbert Probst verhaftet und ermordet); 1939 wurde das Haus geschlossen. (Aus: https://gedichte.wolfgangfenske.de/georg-thurmair-1909–1984/ )

Hitler versuchte, auch die Evangelische Kirche nach dem Führerprinzip zu ordnen. Dazu hat er seinen Freund und Unterstützer an die Spitze der Kirche gestellt. Die Evangelische Kirche teilte sich in Deutsche Christen (DC) und Bekennende Kirche (BK). Die Deutschen Christen unterstützen den Nationalsozialismus, die Bekennende Kirche wandte sich gegen ihn. In den Kirchenwahlen, die einberufen wurden, gewannen die Deutschen Christen mit Ludwig Müller an der Spitze haushoch. Und nun versuchte dieser, die Jugendarbeit in die Hitlerjugend zu überführen.

Aufgabe:
Merke Dir die kursiv gedruckten Begriffe – und welche Haltung damit verbunden ist: DC = …; BK =…

Bevor unten der Brief von Müller an die Pfarrer/Pastoren und Jugendführer zitiert wird, werden ein paar Hinweise zu Ludwig Müller gegeben. In diesen wird auch ein wenig deutlich, wie Nationalsozialisten taktisch vorgegangen sind, um diejenigen in Führungspositionen einzusetzen, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierten.

Kurze Hinweise zur Biographie von Ludwig Müller:

1933 wurde Müller von Hitler zum Vertrauensmann und Bevollmächtigter ernannt, um die Verfassung der Kirche zu reformieren (Erlass vom 5.4.1933). Er war vom Staat bestallt, um die Kirche in die Hand zu bekommen: Führerprinzip in der nationalen Kirche.

26.4.1933: DC (= Deutsche Christen) will eine Reichskirche; DC wählte ihn zum Kandidaten für das noch nicht existierende Reichsbischofsamt. Die Gegner, die jungreformatorische Bewegung wählte dann jedoch am 27.5.1933 vorauseilend Bodelschwingh zum Reichsbischof. Man wollte der Neuordnung, das heißt der Unterordnung unter dem Staat zuvorkommen. Da es das Amt aber noch nicht gab, protestierte die DC dagegen und Bodelschwingh trat nach 26 Tagen zurück.

24.6.–14.7.1933 Weil Bodelschwingh ohne Zustimmung der Regierung gewählt worden war, wurde August Jäger (1) als Staatskommissar in der preußischen Regierung eingesetzt – ohne Rechtsgrundlage – und hat in Preußen DC-Leute in die Landeskirchen gesetzt.

28.6.1933 ließ Müller das Gebäude des Kirchenbundes durch SA besetzen und übernahm sämtliche Funktionen. Dagegen gab es massiven Widerstand  und es wurde eine neue Verfassung der Landeskirchen erstellt (aus dem deutschen evangelischen Kirchenbund wurde die Deutsche Evangelische Kirche). Diese Verfassung wurde durch das Reichsgesetz vom 14.7.1933 anerkannt. In diesem wurde auch das Amt des Reichsbischofs geregelt. Daraufhin wurden Neuwahlen anberaumt.

23.7.1933 fand die Kirchenwahl statt und Hitler hat für die DC Partei ergriffen. Die DC bekam 2/3 der Stimmen. Konkordat wie auch das Ergebnis der Wahl bestätigten Hitler darin, sein Ziel der Einen nationalsozialistischen Kirche zu verfolgen.

6.9.1933 wurde Müller zum Reichsbischof gewählt.

19.12.1933 Eingliederungsvertrag der Evangelischen Jugend in die HJ mit Baldur von Schirach.

Am 23.9.1934 wurde Müller als Reichsbischof eingeführt. Mit Gewalt sollte die Württembergische und Bayerische Landeskirche eingegliedert werden. Der Widerstand war massiv und es gelang ihm nicht. Jäger wurde abgesetzt.

Die Auseinandersetzung innerhalb der Kirche war sehr groß, so dass Hitler sein Ziel, die Durchdringung der gesamten Kirche mit seiner nationalsozialistischen Ideologie nicht erreichen konnte. Müller selbst spielte nach vielem Hin und Her keine große Rolle mehr. Darüber war Hitler wütend:

1941/42 sagte Hitler: „Der Krieg wird sein Ende nehmen, und ich werde meine letzte Lebensaufgabe darin sehen, das Kirchenproblem noch zu klären. Erst dann wird die deutsche Nation gesichert sein… In meiner Jugend stand ich auf dem Standpunkt: Dynamit! Heute sehe ich ein, man kann das nicht über das Knie brechen. Es muss abfaulen wie ein brandiges Glied.“ (Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941–1942, Stuttgart 2. Auflage 1965, 348)

Müller starb 1945. Man weiß nicht so genau, woran, warum.

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Ludwig Müller schreibt mit Blick auf die “Übergabe der evangelischen Jugendarbeit an den Nationalsozialismus”:

AN DIE DEUTSCHEN EVANGELISCHEN PASTOREN UND ]UGENDFÜHRER! 

Liebe Brüder! 

Soeben habe ich an die deutschen evangelischen Eltern folgenden Brief geschrieben: 

An die Väter und Mütter unserer evangelischen Jugend. 

Volksgenossenl Glaubensgenossen! 

Ihr habt aus meinem Telegramm an den Führer gesehen, daß ich das deutsche evangelische  Jugendwerk durch Unterzeichnung eines Vertrages mit dem Reichsjugendführer der Hitler-Jugend eingegliedert habe. Es ist das für mich ein entscheidungsschwerer Schritt gewesen,  um den ich mit Gott im Gebet gerungen habe. Ich bin zu diesem Entschluß innerlich gezwungen worden von der mir durch mein Amt auferlegten Verantwortung für das Evangelium  und für die Erziehung des deutschen Volkes im Evangelium. 

Die neue Einheit unseres Volkes soll nach dem Willen des Führers gesichert werden durch  eine einheitliche Erziehung unserer Jugend. Weite Kreise der deutschen Jugend sind innerlich von diesem großen Ziel des Führers ergriffen und begeistert, und große Scharen von  evangelischen Jungen und Mädeln haben sich aus dieser Ergriffenheit heraus in die Reihen der Hitler-Jugend gestellt.

Ich weiß aber, daß die Jungen und Mädel, welche in den Bünden unseres evangelischen Jugendwerkes vereinigt sind, von ebenso heißer Liebe zu unserem Volk und ebenso starkem Willen zur Einordnung in das gemeinsame Ganze ergriffen sind. Es wäre ein Unrecht an ihnen, zu behaupten, daß sie in irgendeinem Sinne beiseite stehen wollen. Durch die Eingliederung habe ich dem, was in ihnen an Treue und Gefolgschaftswillen lebt, den einzigen Ausdruck gegeben, der für einen Deutschen heute möglich ist.

Es ist  die Ehre des evangelischen Christentums von den Tagen der Reformation an gewesen, daß  der Glaube an Jesus Christus uns evangelischen Christen Kraft und Freudigkeit dazu verliehen hat, uns mit unserem ganzen irdischen Leben dem Volk und dem Vaterland zu geben.

Ich durfte um des Evangeliums Willen auch nicht den Schein aufkommen lassen, als ob unser  Christentum für uns ein Grund wäre, ein Leben abseits der Volksgemeinschaft zu führen. Ich weiß von manchem evangelischen Jungen und Mädel, daß sie anfingen, es als schmerzlich zu empfinden, gewissermaßen vor die Wahl gestellt zu sein, entweder Gemeinschaft auf  dem Grunde des Glaubens zu haben oder Gemeinschaft im Willen für Deutschland.

Die von mir getroffene Vereinbarung sichert Euren Kindern die Erfüllung ihres Auftrages, das Wort des Evangeliums über ihre Jugendgemeinschafl: zu stellen. Sie sichert weiter jedem Hitlerjungen und ‑mädel die Möglichkeit, an evangelisch-christlicher Jugendgemeinschaft teilzunehmen. Was im Rahmen eines von Menschen geschlossenen Vertrages geschehen konnte, um dem Evangelium, um dem Willen unseres Herrn Jesus Christus in der  nationalsozialistischen Jugenderziehung Raum und Stätte zu bereiten, das ist geschehen. 

Ich bitte alle evangelischen Eltern herzlich: Sagt Euren Kindern, daß sie von ihren neuen  Kameraden mit Liebe aufgenommen werden und daß sie ihre neuen Kameraden lieb haben  sollen. Sagt ihnen, daß unser Herr Jesus Christus bei ihnen bleibt und mit ihnen geht in der  neuen weiteren Gemeinschaft. Sagt ihnen, daß sie ihrem Heiland und Herrn einen großen Dienst tun, wenn sie sich in der neuen Gemeinschaft als tüchtige deutsche Jungen und Mädel  bewähren. Der Gott, der unsere evangelische Kirche bisher bewahrt und geführt hat, wird sie auch  auf seinen neuen wunderbaren Wegen leiten und behüten. 

In herzlicher Liebe

Euer Ludwig Müller  Reichsbischof 

aus: Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland 1933–1944, hg. V. Joachim Beckmann, 60.–71. Jahrgang, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 2. Auflage 1976, Seite 42f. (Absätze wurden von mir eingebracht.)

Aufgaben:

  1. Welchen Eindruck hast Du von diesem Text – gefühlsmäßig.
  2. Welchen Eindruck könnte der Text auf die Menschen der damaligen Zeit gemacht haben?
  3. Warum?
  4. Erkennst Du sprachliche und inhaltliche Mittel, mit denen versucht wird, Menschen die Vorgehensweise, die viele nicht wollen, schmackhaft zu machen?

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